Band 1 bestellen

Kaufen auf Amazon.de

Taschenbuch, 13,99 €

E-Book, 7,99 €




Band 2 bestellen

Kaufen auf Amazon.de

Taschenbuch, 14,99 €

E-Book, 7,99 €


Faszination

VGWort007

„Faszination. Ich liebe diese Melodie – dieses sanfte, gleichzeitig schwungvolle; es scheint, die Musik fordert uns dazu auf, zu tanzen; man schwebt sozusagen auf einer Welle mit und kann gar nicht anders, als sich im Moment zu verlieren. Alleine durch den Film mit Audrey Hepburn hat sich die Bekanntheit von Marchettis Stück vervielfacht. Liebe am Nachmittag, ja, bei dieser Melodie kann es nur um Liebe gehen. Es passt perfekt. Finden Sie nicht auch?“
Sarah sieht auf, doch ihr Gegenüber – besser gesagt ehemaliger Gegenüber – hat sich bereits erhoben und steuert den Nachbartisch an. Selbst sein Name, stand er doch auf dem Schild, befestigt an seinem gebügelten Hemd, ist schon aus ihrer Erinnerung gelöscht.
Enttäuscht blickt Sarah auf die Tischplatte. Kratzer und kleine Kerben.
Was für eine blöde Idee ihrer Freundin Kati: Sarah und Speeddating. Sarah, die Leuten nicht in die Augen sehen kann. Sarah, der man autistische Züge nachsagt. ‚Glaub mir, das bringt was‘, meinte Kati noch, als Sarah nach langer Diskussion aufgegeben und sich gefügt hatte.

Sie starrt weiter auf die Tischplatte, während sich jemand setzt.
„Faszination ist perfekt“, flüstert Sarah vor sich hin. „Ich hörte die Melodie aus den beiden dunklen Fenstern an jenem Abend, dort, wo ich mit Rudolfo den Abendspaziergang mache, wenn die Stadt langsam zur Ruhe kommt, die Geschäftsleute mit ihren wichtigen Mienen verschwinden und Platz machen für junge, belächelnswerte Halbstarke, die meinen, in jedem Satz muss ‚ficken‘ und ‚Hurensohn‘ vorkommen. Sieben Häuser, die Fassade barocker Pracht nachempfunden – womöglich hat man deswegen das bucklige Kopfsteinpflaster nicht ersetzt, damit die Autofahrer durch die erzwungen langsamere Fahrt die Möglichkeit haben, diesen Anblick zu würdigen – und nahezu jeder Bewohner versuchte, die unerträgliche Hitze des Tages aus den Räumen zu scheuchen, um eine kühle Brise, ja, nur einen erfrischenden Hauch zu erhaschen, der das Gefühl der Taubheit nimmt und erfrischt wie ein Schwall kaltes Wasser. Ich konnte das Brennen des Tages in den Steinen spüren, Rudolfo hingegen störte das nicht im Geringsten. Er klapperte die Bäume der Allee ab – die Buchen wurden immer so gepflanzt, das sie zwischen den beiden Fenstern der Fassade stehen, damit die Menschen, sollten sie aus ihren Fenstern schauen, nicht nur auf einen Stamm blicken – und liest Hundenachrichten. Wenn ihm danach ist, hebt er das Bein und entlässt ein paar Tröpfchen in die Freiheit. Wobei von diesen Tröpfchen nur die Hälfte den Boden erreicht. Der Rest bleibt in den Haaren oder an den Hinterläufen hängen. Und beschmiert später die Hundedecke auf dem Sofa.“
Sarah blickt auf. Ihr sitzt ein Mann gegenüber, lehnt an der billigen Lederimitation der Rücklehne, hat die Arme verschränkt und schaut sie an, einen eigenartigen Ausdruck in seinem Gesicht; eine Mischung aus Freundlichkeit und Überheblichkeit. Frank steht auf seinem Schild. Wie lange sitzt er schon dort?
„Sie sind der weibliche Forrest Gump, oder?“ Seine Stimme hat einen schnarrenden Beiklang.
Er wartet noch einen Moment ab, doch als Sarah nichts erwidert, erhebt er sich und verschwindet aus ihrem Blickfeld.

Es dauert nicht lange, bis sich ihr gegenüber ein jüngerer Mann niederlässt. Er trägt einen Kapuzenpulli, sieht aber ansonsten aus wie ein Hipster.
Doch Sarah ist wieder in ihrer Erinnerung, ihr Blick wird weich. „Mir war es in diesem Moment einerlei“, fährt sie fort. „Marchettis Klänge ertönten leise, ganz zart, man musste schon innehalten, um sie zu hören, und doch waren sie da. Ich stellte mir vor, wie dort, im Dunklen zwei Menschen miteinander tanzen, eng umschlungen, ganz dem Rausch der Gefühle verfallen – dem mächtigsten aller Gefühle – hingebungsvoll, und doch so vergänglich und zerbrechlich wie eine getrocknete Rose.
Rudolfo zog ungeduldig an der Leine, er konnte nicht verstehen, was mich verharren ließ.
In den beiden nächsten Fenster war das Licht gedimmt; ich vernahm ein leises Lachen. Nicht gekünstelt, mehr verliebt, ein Geräusch, das nicht verebbt und vergeht, sondern beendet wird, wie durch einen Kuss.
Das Nebenhaus lag gänzlich still da; dünner Stoff hing lose vor dem dunklen Fenster, als würde jemand dort schlafen.
Aus den Räumen daneben drang Leben, Wortfetzen in unterschiedlichen Stimmlagen, untermalt von den typischen Geräuschen des Bestecks. Gerne hätte ich einen Moment gelauscht, diesen familiären Augenblick verbotenerweise geteilt, doch aus dem Nachbarhaus ertönte ein Schrei, der mich zusammenzucken ließ. Irgendetwas fiel zerbrechend auf den Boden – oder wurde geworfen – ein weiterer Ruf ertönte, gefolgt von Stille. Das Licht erlosch; kurz darauf wurde das Fenster zugezogen. Auch die Essensgeräusche der Familie verstummten einen Augenblick, doch Marchettis leise Klänge waren immer noch zu hören.
Was auch immer gerade geschehen war – es war einfach Leben in dieser Straße, verstehen Sie?“

Sarahs Blick wird fester, erfasst ihr Gegenüber. Ein gutgekleideter, älterer Herr sitzt dort – Eduard; er nickt und blickt – aber nicht in ihre Augen, sondern auf seine Armbanduhr.

Dass Männer nicht zuhören können, dieses Klischee – es stimmt, jedenfalls bei Sarah. Doch heute ist verkehrte Welt.
Irgendwann, so Kati, wirst du ihn finden, den Richtigen. Was auch immer früher war, lass es in der Vergessenheit ruhen.
Sarah schaut auf die Gemälde, welche die Wand neben ihr zweifelhaft schmücken; abstraktes Öl in psychedelischen Farben. Kein Augenschmaus.

Trotz dessen, dass Katis Idee doof war: Sarah genießt es, einfach mal wieder zu reden. Mit Fremden. Smalltalk. Seltsam, wie die Worte fließen.
Entschlossen, diesen Moment nicht vorbeiziehen zu lassen, erzählt sie weiter: „Der Augenblick der Stille wurde jäh durchbrochen – Babygeschrei. Vermutlich war das Kleine geweckt worden. Kurz darauf veränderten sich die gequälten Rufe aus dem kleinen Mund, wurden leiser, entspannter.
Ist das nicht großartig? Was muss das für ein überwältigendes Gefühl sein, die- oder derjenige mit der Macht zu sein, diesen winzigen Menschen zu beruhigen?
Zeitgleich drangen die letzten Klänge von Faszination an meine Ohren, ganz leise, auslaufend.
Aus einem Fenster des sechsten Hauses, dass Rudolfo und ich passierten, lehnte sich ein älterer Mann. Hinter ihm flackerte das Licht in bläulichen Farben; ich vernahm das Lachen einer Frau und Zuschauern gleichermaßen. Bevor der Mann aus meinem Blickfeld verschwand, hob er die Hand an den Mund, entfachte das feurige Rund einer Zigarette und schnippte den glühenden Stummel hinter mir auf den Gehweg.
Während Rudolfo mich weiterzog und ich zu den Fenstern des letzten Hauses emporblickte, spürte ich Traurigkeit, aber ich weiß nicht, wieso. Verschlossene Fenster; kein Leben drang aus ihnen hervor. Meine Hände tasteten wie gewohnt in der Tasche, wurden fündig, ergriffen den Schlüssel.“

„Ihre Zeit ist gleich um“, ertönt eine Stimme nahe des Eingangs. „Die Herren werden ein letztes Mal gebeten, einen Tisch weiterzugehen. Vielen Dank für die zahlreiche Teilnahme, wir wünschen Ihnen allen viel Glück bei eventuellen weiteren Begegnungen!“
Vor Sarah sitzt das Ebenbild eines Geschäftsmannes. Man kann an den obersten Falten seines Hemdes erkennen, dass dort bis vor Kurzem eine Krawatte getragen wurde. Hans heißt er und sieht Sarah aus blauen Augen an, bevor er sich erhebt. „Hat mich gefreut“, murmelt er. Mehr pflichtbewusst als ehrlich.
Sarah beobachtet ihn, wie er sich mit einem Lächeln zu einem Tisch begibt, an dem eine Frau mit dunklen Haaren wartet.

‚Ihre Zeit ist gleich um.‘ Der Satz hallt in Sarahs Kopf nach.
Ihr Blick fällt auf ein Fenster, ein Hund läuft vorüber, pieselt an einen Straßenpfahl, bevor er verschwindet.

Jemand setzt sich. Doch Sarah blickt nicht auf, gerade ist ihr etwas klar geworden. Sie weiß, warum sie an jenem Abend so traurig war, als sie auf die dunklen Fenster geblickt hatte:
„Wenn ich mich nie verliebe, nie mit jemandem tanze, nie jemanden streichle, kein Kind auf dem Arm halte, das Kind nicht umsorge, nie mit einer Familie am Tisch sitze, mich nicht mit meinen Liebsten streite und im Alter alleine bin – habe ich dann wirklich gelebt?“
„Eine gute Einstellung.“ Die Stimme ist leise, klingt fast schüchtern.
Sarah blickt auf. Ein schmächtiger Mann sitzt vor ihr, fast fünfzehn Jahre jünger.
Er lächelt.
Auf seinem Schild steht Sebastian.



Zurück zur Übersicht.




E-Mail: mail(ät)kiara-lameika.de --- Instagram: Kontakt über Instagram --- Facebook: Kontakt über Facebook --- LovelyBooks: Kiara Lameika auf LovelyBooks

Copyright © Kiara Lameika, ab September 2018