Kaufen auf Amazon.de

Kaufen auf Amazon.de

Taschenbuch, 13,99 €



Eine Hommage an das Känguru

VGWort004

Das Känguru und der Möchtegern-Autor

Das Känguru wirft sich eine Schnapspraline in den Mund und unterbricht schmatzend meine Gedanken: "Ihr Schriftsteller nehmt euch alle viel zu wichtig. Lass doch etwas weg!"
Seufzend schaue ich von meinem Manuskript auf. "Was soll ich denn da bitte weglassen?"
"Die kürzen dir sowieso die Hälfte, also mach's lieber gleich selber. Dann kannst du wenigstens entscheiden, was wegfällt."
"Und was?"
"Die Kinder, zum Beispiel. Und die Bestie. Augsburg. Das interessiert alles niemanden."
"Wie bitte?" Ich sehe das Känguru aufgebracht an.
"Wir leben in einer schnelllebigen Zeit", erklärt es mit besserwissender Miene. "Die Aufmerksamkeitsspanne von Menschen, die viel im Socialmedia unterwegs sind - und das sind nun einmal die meisten - ist auf ein minimales Level gesunken. Wenn einer schon Bücher liest - was die Ausnahme darstellt - muss da sofort Action und / oder Liebe kommen."
"Ja, bei mir beginnt es mit dem Protagonisten, dem Antagonisten und einer Hexenverbrennung."
"Verbrennen ist gut. Aber streich das Historische. Alles Blödsinn. Konzentriere dich auf das Wesentliche. Ennlin und Mathes klären Mord auf. Fertig."
"Fertig?"
"Dabei wird eine Hexe verbrannt. Und die Bankverbindung nicht vergessen. Damit man weiß, wohin man spenden kann."
"Spenden?"
Das Känguruh streckt sich und gähnt. Anschließend wirft es mir einen mitleidigen Blick zu. "Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass dein Buch nicht erfolgreich wird." Das Känguruh räuspert sich gekünstelt und fährt fort: "Es könnte ja sein. Wenn es so kommt, haben manche Menschen Mitleid und spenden dir etwas. Du musst ja auch leben. Das Herz der Bevölkerung schlägt für die Schwachen."
"So ein Blödsinn, Beuteltier."
"Ha, wenn du meinst. Aber kürzen solltest du auf jeden Fall."
"Jetzt mal ehrlich - wie viel würdest du kürzen?" Ich blicke das Känguruh interessiert an.
"Alles, bis auf die Spannung. Vielleicht. Obwohl..."
"Du meinst... warte. Wie würdest du Herr der Ringe beschreiben?"
Das Känguru blickt kurz an die Decke und sagt anschließend: "Typ läuft durch die Welt, erlebt Abenteuer und schmeißt einen Ring in den Abgrund, um ihn zu vernichten."
"So lang?"
"Stimmt. Typ schmeißt Ring weg." Das Känguru rülpst.
"Ist der Ring wichtig?", frage ich.
"Naja, das Buch heißt... egal, du hast recht. Typ. Einfach nur: Typ. Und die Bankverbindung."
"Wie komme ich da auf vierhundert Seiten? Mit Schriftgröße fünftausend?"
"Lass die Seiten frei. Druck 'Typ' irgendwo in der Buchmitte. Und die Bankverbindung mehrfach, damit man sie immer wieder sieht. Das wird DER Erfolg, sage ich dir, weil die Leser schnell damit fertig sind und gleich was anderes machen können."
Ich verschränke die Arme. "Du weißt, wie blöd sich das anhört?"
"Na hallo, das ist im übertragenen Sinne gemeint. Laber einfach nicht so viel."
"Hab's verstanden."
"Ehrlich?"
"Ja. Ich setze mich gleich dran und kürze mein Manuskript."

Das Känguruh sieht mir in den folgenden Stunden dabei zu, wie ich eifrig arbeite.
"Weißt du was?", sagt es plötzlich und fischt die letzte Schnapspraline aus der Schachtel. "Schreib nur die Bankverbindung rein. Sonst gar nichts. Geschichten und Gefühle - das sind bürgerliche Kategorien."



Zurück zur Übersicht.




(English version: Errors are due to the fact that English is not my native language. You are welcome to help and improve me!)

A homage to the kangaroo

The Kangaroo and the wanna-be author

The kangaroo throws a liqour-praline into his mouth and interrupts my thoughts with a smacking sound: "You writers all take yourselves far too seriously. Why don't you leave something out?"
I look up from my manuscript and sigh. "What do you want me to leave out?"
"They'll cut you in half anyway, so you better do it yourself. Then you can at least decide what to leave out."
"What?"
"The kids, for example. And the Beast. Augsburg. Nobody cares."
"Excuse me?" I'm looking at the kangaroo in a huff.
"We live in a fast-living world," he explains with a knowing face. "The attention span of people who spend a lot of time in social media - and most people do - has dropped to a minimum level. If someone is already reading books - which is the exception - there must be immediate action and / or love.
"Yes, it starts with the protagonist, the antagonist and a burning witch."
"Burning is good. But strike out the historical. It's all bullshit. Concentrate on what's important. Ennlin and Mathes solve murders. Done."
"Done?"
"They burned a witch. And don't forget the bank account. So people know where to make a donation."
"Donate?"
The kangaroo stretches and yawns. Then he gives me a pitiful look. "In the unlikely event that your book is unsuccessful." The kangaroo artificially clears his throat and continues: "It could happen. If it does, some people will take pity on you and give you a donation. You have to live. The heart of the people beats for the weak."
"That's bullshit, marsupial."
"Ha, if you say so. But you should cut back."
"Honestly, how much would you cut?" I look at the kangaroo with interest.
"Everything but the tension. Maybe. Although..."
"You mean... wait. How would you describe Lord of the Rings?"
The kangaroo glances up at the ceiling for a second and then says: "Guy goes off on adventures, throws a ring into the abyss to destroy it."
"That long?"
"That's right. Guy throws ring away." The kangaroo burps.
"Is the ring important?", I say.
"Well, the book is called... ...anyway, you're right. Guy. Just type Guy. And the bank account."
"How do I get four hundred pages? With a font size of 5,000?"
"Leave the pages blank. Print 'Guy' somewhere in the middle of the book. And the bank account number several times, so you can see it over and over again. It'll be a success, I tell you, because readers will finish it quickly and can do something else right away."
I'm folding my arms. "You know how stupid that sounds?"
"Well, hello, it's figuratively speaking. Don't talk so much."
"Got it."
"Get it?"
"Yeah. I'll get right on it and cut my manuscript down."

The kangaroo watches me work diligently for the next few hours.
"You know what?", he suddenly says and pulls the last of the liqour-praline out of the box. "Just put in the bank details. Nothing else. Stories and feelings - those are bourgeois categories."



Back to overview.




E-Mail: mail(ät)kiara-lameika.de --- Instagram: Kontakt über Instagram --- Facebook: Kontakt über Facebook --- LovelyBooks: Kiara Lameika auf LovelyBooks

Copyright © Kiara Lameika, ab September 2018