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Der Duft von Schnee

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Die weißen Felder sind unberührt, die Büsche am dahinterliegenden Waldrand unbewegt. Das idyllisch gelegene Haus, ein Schatten ursprünglicher villengleicher Pracht, scheint verlassen.
Mit einer gleichmäßigen Bewegung schwenkt mein Blick weiter nach rechts, bevor ich das Spektiv absenke. Auf der verschneiten Zufahrtsstraße ist niemand zu sehen.
Unser Befehl: Ausschalten von Talibanführern. Ein Gipfeltreffen, so hieß es. Auflauern, liquidieren, zurückziehen.

Du siehst mich an; ich schüttle den Kopf, sage nichts.
Seit neunundvierzig Stunden und zwölf Minuten liegen wir hier nebeneinander, achteinhalb Meilen vor der Frontlinie, zwischen Kondoz und Mazar-e Sharif. Dennoch steigen Zweifel in mir auf, wie so oft in den letzten Stunden. Funkkontakt haben uns die Amis untersagt, um unsere Position nicht zu verraten. Niemand, nicht einmal unsere Kameraden wissen, wo wir postiert sind. Aber wer sagt uns, dass sich die Frontlinie nicht mittlerweile verschoben hat? Dass unsere Haupttruppe zurückgedrängt wurde und wir mitten im Feindesland ausharren? Mitten in Afghanistan - einem unbekannten Land? Einem verdammten Land?

Erneut suche ich mit dem Beobachtungsfernrohr den Horizont ab, der von unserem Versteck unter den niedrigen Tannen auszumachen ist.

Du siehst mich an; ich schüttle den Kopf, sage nichts. Dein linker Mundwinkel verzieht sich nach oben. Du siehst müde aus, zu erschöpft, um mich aufzuziehen, weil ich seit siebzehn Tagen manchmal abwesend bin. Träumende Kartoffel nennst du mich dann. Aber heute nicht. Stattdessen drehst du dich wortlos wieder nach vorne.
Warum du dich so selten von deiner Waffe abwendest, habe ich dich einmal gefragt. Allzeit bereit, war deine Antwort gewesen.

Einen Tag noch, nur noch einen verdammten Tag. Nein, es sind nur noch zweiundzwanzig Stunden und achtundvierzig Minuten. Siebenundvierzig. Dann heißt es für uns endlich: Rückzug. Ein beschwerlicher Marsch, bergauf durch den Schnee. Stets darauf bedacht, unentdeckt zu bleiben. Und an der Frontlinie nicht von den Amis, unseren Verbündeten, erschossen zu werden.

Du liegst ganz still neben mir, die McMillan Tac-50 im Anschlag. Kaliber Zwölfkommasieben mal neunundneunzig Millimeter. Du und deine kanadische Waffe, vereint. Waltraud und du. Von welchem Wahnsinn muss ein Canuck befallen sein, das er sein Gewehr Waltraud nennt? Dennoch vergesse ich nicht, dass du der Beste deines Fachs bist. Dass deine Schüsse die Ziele nahezu nie verfehlen.
Wie im vergangenen Einsatz. Ich träume noch immer davon. Du hingegen brüstet dich damit; versteckst dich nicht, sondern stellst deine Taten zur Schau. Prahlst sogar vor den Kameraden.
Sie fürchten dich; wagen es nicht, dir zu widersprechen. Wenn ich ehrlich bin, ergeht es mir ebenso. Habe es ein einziges Mal gewagt. Dein entgleister Blick, wenn du erzählst, voller Zorn - und doch sehe ich auch Verletztheit darin. Versteckt hinter der starren Maske, wenn du zielst, das Visier nach meinen Vorgaben einstellst. Während sich dein gesamter Körper spannt und die Konzentration dich voll vereinnahmt. Ich beobachte dich heimlich dabei, während du mit deiner Waffe zusammenwächst. Beneide dich um die ruhige Hand. Wie du tief einatmest, einen Teil der Luft wieder herauslässt und verharrst. Bereit, den Tod zu bringen. Ein Virtuose am Gewehr.
Bester Beobachter und bester Scharfschütze. Ein Spotter-Sniper-Dreamteam, so nennen sie uns. Wir haben schon viel durchgemacht, uns gegenseitig den Arsch gerettet, wenn es darauf ankam. Wir lassen uns nicht trennen. Nicht von Maschinengewehrsalven, explodierenden Mörsergranaten oder Sturmangriffen.
So dachte ich. Bis vor siebzehn Tagen.

Die Bilder wollen nicht mehr aus meinem Kopf. Die Häuserschluchten, die toten Kämpfer. Die Frau in dem weißen Kleid. Der Säugling.
Dein Grinsen, als du ihre blutverschmierte, nackte Brust siehst.
Die Kinder. Ihre Schreie hallen noch immer in meinen Ohren wider.
Meine Gedanken finden den Blick auf dieses grausige Tableau immer wieder. Tags und nachts. Ich kann dir nicht verzeihen, obwohl ich dich wie einen Bruder liebe.
Dieses Blut an deinen Händen - ich kann es sehen. Ich kann es riechen.
Es klebt an dir. Es bleibt.
Verdammtes Afghanistan.

Ich blicke wieder nach vorne.

Der Wind bläst aus nordwestlicher Richtung, etwa fünfzehn Grad rechts hinter uns. Über den Feldern schätze ich, dass es zwanzig, vielleicht sogar einundzwanzig Meilen pro Stunde sind. Ein Windmesser ist nutzlos, am Waldrand verwirbelt der Windstrom sowieso. Müssen uns auf unsere Erfahrung, unser Gefühl verlassen. Früher hast du Angaben in Knoten vorgezogen, doch wir müssen uns den Befehlen beugen: Alle Angaben sind in Meilen pro Stunde anzugeben. Einheitlich. Du hast dich dem untergeordnet; zu wichtig sind dir meine exakten Angaben, die bei unseren Kameraden als legendär gelten.
Genauso wie deine Treffsicherheit mit Waltraud.

Ein angenehmer Duft steigt mir in die Nase, lenkt mich ab.
Schneebedeckte Tannenzweige, der nadelige Untergrund, die kalte Luft. Ich atme genussvoll ein, schließe die Augen.

Eine Reflexion an der alten Villa. Elf Uhr.
Ich reiße das Spektiv vor die Augen. Neunhundertdreißig Yards.
Die Verandatür ist aufgesprungen. Eine rennende Gestalt, gefolgt von einer weiteren.
Ich kann nichts hören, doch ich kann ihre aufgerissenen Münder sehen.
Sie schreien nicht, sie rufen sich keine Kommandos zu.
Sie lachen.
Gegen den Wind unhörbar und doch so klar: Kindergeschrei. Ihr Spaß am Leben, das Herumtollen im Schnee. Sie haben Spielzeugwaffen, spielen Krieg, während wir ihn durchleben. Jeden verdammten Tag.
Eine Frau in schneeweißem Kleid tritt auf die Veranda, einen Säugling auf dem Arm. Sie lächelt. Deutet auf einen Hochsitz in der Nähe, woraufhin die Kinder dorthin rennen.
Bestimmt wollen Sie sich verstecken, Räuber und Gendarm spielen. Kennen afghanische Kinder dieses Spiel?

Du siehst mich an; ich schüttle den Kopf, sage nichts.
Verständnislosigkeit liegt in deinem Blick. Überraschung. Ein Aufflammen von Unsicherheit.
Das Lachen der Kinder ist aus neunhundertdreißig Yards Entfernung nicht zu hören, doch ein anderes Geräusch dringt an mein Ohr: Das unheilvolle Klicken deiner Zieleinstellung.
Du liebst diese Waffe, hast du mir immer wieder gesagt. Hältst nichts vom deutschen G22. Wenn du um die Ecke schießen willst, nimmst du das deutsche G22, dieses unzuverlässige Stück Gewehr. Für alles andere verwendest du Waltraud.
Ohne mich hast du keine Windeinschätzung, ballistische Berechnungen, Luftdruck- und Temperaturangaben. Du kennst nur die Entfernung. Du kannst keinen exakten Schuss abgeben.

Das leise Einrasten deiner Visiereinstellungen hallt laut in meinen Ohren wieder; sagt mir, dass du es alleine versuchst.

Ich sehe dich an; du rührst dich nicht, bist konzentriert, sagst nichts.
Klick. Deine Einstellungen sind gut. Nicht perfekt - sie weichen von meinen Berechnungen ab, könnten jedoch tatsächlich ausreichen. Es sind ja nur neunhundertdreißig Yards.
Neunhundertzwanzig, denn die Frau in dem weißen Kleid ist nach vorne gelaufen und versteckt sich hinter einem Baum.
Spielt mit den Kindern Verstecken im Schnee.

Blasse, leblose Haut. Ein weißes Kleid, blutgetränkt.
Es darf nie wieder geschehen. Nie wieder.
Unwillkürlich lege ich die Hand an meinen Gürtel. Ich fühle sie, in der Pistolentasche: Die HK P8, für Notfälle. Peggy nenne ich sie. Geladen mit fünfzehn Patronen, Kaliber neun Millimeter.
Meine Finger öffnen den Druckknopf der Tasche und legen sich um den Griff der Waffe. Fühlt sich kühl an; rau und gleichzeitig vertraut. Unzählige Male habe ich mit Peggy geschossen, bin auf die kurze Entfernung sogar besser als du.

Du siehst mich an; ich sage nichts.
Du schreist etwas in meine Richtung - glaube ich - doch ich kann dich nicht hören. Es kommt nichts bei mir an.

Ich höre Rauschen.

Die Kinder, Blut, die tote Frau, der Säugling mit den großen, offenen Augen. Ein Blick, in dem so viel Sehnsucht liegt, unendliche Neugierde. Augen, die noch so viele Dinge hätten sehen sollen.
Nochmals ertrage ich das nicht.

Wir sehen uns an, sagen nichts.
Schrecken liegt in deinem Blick. Verwirrung. Entsetzen.

Ich ziehe Peggy hervor. Sehe, wie du glaubst, zu verstehen. Wie du dich irrst.
Niemals wieder.
Verdammtes Afghanistan.



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(English version: Errors are due to the fact that English is not my native language. You are welcome to help and improve me!)

The smell of snow

The white fields are untouched, the bushes at the edge of the forest behind are motionless. The idyllically situated house, a shadow of original villa-like splendour, seems abandoned. With a steady movement my gaze swings further to the right before I lower the spotting scope. There is no one to be seen on the snowy access road.
Our command: Eliminate Taliban leaders. A summit meeting, they said. Ambush, liquidate, retreat.

You look at me; I shake my head, say nothing.
For forty-nine hours and twelve minutes we have been lying here side by side, eight and a half miles from the front line, between Kondoz and Mazar-e Sharif. Nevertheless, doubts rise in me, as they have often done in the last few hours. The Americans have forbidden us to make radio contact so as not to give away our position. No one, not even our comrades, know where we are posted. But who can tell us that the front line hasn't shifted in the meantime? That our main force has been pushed back and we are holding out in the middle of enemy territory? In the middle of Afghanistan - an unknown country? A damned country?

Once again I search the horizon with the observation telescope, which can be seen from our hiding place under the low fir trees.

You look at me; I shake my head, say nothing. The left corner of your mouth moves upwards. You look tired, too exhausted to tease me, because I have been absent sometimes for seventeen days. Dreaming potato, you call me then. But not today. Instead, you turn wordlessly forward again.
Why you turn away from your gun so rarely, I asked you once. Always ready, that was your answer.

One more day, one more fucking day. No, there's twenty-two hours and forty-eight minutes left. Forty-seven. Then it's finally time for us to retreat. It's an arduous march, uphill through the snow. Always anxious to remain undiscovered. And not to be shot by the Americans, our people, on the front line.

You lie very still beside me, the McMillan Tac-50 at the ready. Twelve comma seven by ninety-nine millimetre calibre. You and your Canadian gun, together. Waltraud and you. What madness must be eating a Canuck who calls his gun Waltraud?
Still, I'm not forgetting that you're the best in your field. That your shots almost never miss the target.
Just like the last mission. I still dream about it. You, on the other hand, boast about it; don't hide, but show off your deeds. You even brag to your comrades.
They fear you; do not dare to contradict you. If I'm honest, I feel the same. I've dared to do it only once. Your derailed look when you talk, full of anger - and yet I also see hurt in it. Hidden behind the rigid mask when you aim, adjusting the visor according to my instructions. While your whole body is tensing and the concentration takes you over. I watch you secretly as you grow together with your weapon. Envy the steady hand. As you inhale deeply, let some of the air out again and persist. Ready to bring death. A virtuoso at gunpoint.
Best observer and best marksman. A spotter-sniper dream team, they call us. We've been through a lot, saving each other's asses when it counted. We won't let them separate us. Not from machine gun salvos, exploding mortar rounds, or assault. So I thought. Until seventeen days ago.

I can't get those images out of my head. The urban canyons, the dead fighters. The woman in the white dress. The infant.
Your grin when you see her naked breast covered in blood.
The children. Their screams still echo in my ears.
My thoughts keep finding the look on that gruesome tableau. Day and night. I can't forgive you even though I love you like a brother.
This blood on your hands - I can see it. I can smell it.
It's on you. It stays on you.
Fucking Afghanistan.

I'm looking forward again.

Wind's blowing from the northwest, about fifteen degrees right behind us. Over the fields, I estimate it's twenty, maybe even twenty-one miles per hour. An anemometer is useless, at the edge of the forest the wind current swirls anyway. We have to rely on our experience, our feeling. You used to prefer to give data in knots, but we have to obey orders: all data must be given in miles per hour. Uniform. You have subordinated yourself to this; my exact data are too important to you, which are considered legendary by our comrades.
Just like your marksmanship with Waltraud.

A pleasant smell rises to my nose, distracts me.
Snow-covered fir branches, the needle-like ground, the cold air. I breathe in with relish, close my eyes.

A reflection on the old villa. Eleven o'clock.
I bring the spotting scope to my eyes. Nine hundred and thirty yards.
The porch door is cracked. A figure running, followed by another.
I can't hear anything, but I can see their mouths open.
They're not screaming, they're not shouting commands to each other.
They are laughing.
Inaudible against the wind, yet so clear: children's screams. Their fun in life, the romping around in the snow. They have toy guns, play war while we live through it. Every damn day.
A woman in a snow-white dress steps out on the porch, an infant in her arms. She smiles. Points to a raised hide nearby, whereupon the children run to it.
I'm sure you want to hide, play cops and robbers. Do Afghan children know this game?

You look at me; I shake my head, say nothing.
Lack of understanding is in your gaze. Surprise. A flare-up of insecurity.
The laughter of the children cannot be heard from nine hundred and thirty yards away, but another sound reaches my ear: the ominous clicking of your aim.
You love this gun, you kept telling me. If you want to shoot around corners, you take the german G22, that unreliable piece of rifle. For everything else, you use Waltraud.
Without me, you've no wind assessment, ballistic calculations, air pressure and temperature readings. You only know the distance. You can't get an exact shot.

The quiet click of your sight settings echoes loudly in my ears; tells me that you are trying to do it alone.

I look at you; you don't move, you're focused, don't say anything.
Click. Your settings are good. Not perfect - they deviate from my calculations, but could actually be sufficient. It's only nine hundred and thirty yards.
Nine hundred and twenty, because the woman in the white dress has run forward and is hiding behind a tree.
Playing hide and seek with the children in the snow.

Pale, lifeless skin. A white dress drenched in blood.
It must never happen again. Never again.
Involuntarily, I put my hand on my belt. I feel it, in the holster: the HK P8, for emergencies. I call her Peggy. It's loaded with fifteen nine-millimeter cartridges.
My fingers open the snap of the bag and wrap around the handle of the gun. Feels cool; rough, yet familiar. Countless times I've shot with Peggy, even better than you at close range.

You look at me; I say nothing.
You scream in my direction - I think - but I can't hear you. Nothing gets through to me.

I hear static.

The children, blood, the dead woman, the baby with the big, open eyes. A look in which so much longing lies, endless curiosity. Eyes that should have seen so many things.
I can't stand it again.

We look at each other, say nothing.
I see panic in your gaze. Confusion. Horror.

I pull Peggy out. See how you think you understand. How you are wrong.
Never again.
Fucking Afghanistan.



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